Thema des Monats
von Ulrike Steiner & Peter Willnauer

 

Alfred Hitchcock - Retrospektive

LIFEBOAT (Engl. OF)
Fr 16. November, 18.30 – Moviemento

SPELLBOUND (Engl. OmU)
Sa 17. November, 18.20 – Moviemento

REAR WINDOW (Engl. OF)
So 18. November, 18.20 – Moviemento

THE TROUBLE WITH HARRY (Engl. OF)
Mo 19. November, 18.30 – Moviemento

THE MAN WHO KNEW TOO MUCH (Engl. OF)
Di 20. November, 18.15 – Moviemento

VERTIGO (Engl. OF)
Mi 21. November, 18.10 – Moviemento
Sa 24. November, 15.00 – City-Kino 

PSYCHO (Engl. OF)
Do 22. November, 18.20 – Moviemento

THE BIRDS (Engl. OF)
Fr 23. November, 18.15 – Moviemento

 

»ALFRED HITCHCOCK – THE MASTER OF SUSPENSE«
von Peter Willnauer

Der Meister erklärt den von ihm erfundenen und lancierten Begriff »Suspense« (»Spannung«) mit einer Erzählung: 
»Wenn man einen Mann mit einer Keule hinter einer anderen unschuldigen Person auftauchen sieht, weiß man mehr als diese unschuldige Person, damit wird Suspense erzeugt.« Rätsel sind rätselhaft, sie sprechenden Intellekt an, Suspense spricht das Gefühl an. Der Autor dieser Zeilen verwendet auch gern den Begriff »Kasperltheater-Dramaturgie« Hinter dem lustig vor sich hinträllerndem Kasperl erscheint ein fressbereites Krokodil mit weit geöffnetem Maul und fletschenden Zähnen.. 

... und das Publikum zittert und schreit warnend. Und François Truffaut erklärt im Vorwort seines Interviewbuches »Mr.Hitchcock, wie haben Sie das gemacht« diese Wirkung auf das Publikum so: »Die Kunst, Suspense zu schaffen, ist die Kunst, das Publikum zu packen, es am Film zu beteiligen.« Einen Film machen, ist bei dieser Art von Kino ein Spiel zu zweit (Regisseur + Film) sondern ein Spiel zu dritt: Regisseur + Film + Publikum ... Viele Zuschauer erinnern sich nur mehr vage an Hitchcock-Filme, aber beider Nennung von PSYCHO »erzittern« sie alle: Dieses vielleicht heute noch bekannteste Werk enthält eine der brutalsten und nachhaltigsten Mordszenen der Filmgeschichte: Die Hauptdarstellerin Janet Leigh wird ungefähr nach einem Drittel des Films in der Dusche durch 14 (oder12?) Messerstiche getötet. Diese Sequenz dauert im Film 45 Sekunden und wurde aus 78 Einstellungen montiert. Drehdauer für 45 Sekunden: 7 Tage! Die Legende erzählt, dass Hitchcock bei der Premiere von PSYCHO die Türen des Kinosaals versperren ließ um die Zuschauer am Hinausstürmen zu hindern...! 

 

HITCHCOCK UND DIE FRAUEN
von Ulrike Steiner

Filme wie DER ZERRISSENE VORHANG, FRENZY und FAMILIENGRAB würden nicht gedreht worden sein, gesetzt den Fall, es hätte schon Mitte der 1960er Jahre etwas wie eine »MeToo«-Bewegung gegeben. Dann nämlich wäre die Karriere des Alfred Hitchcock nach MARNIE (1964) mit Tippi Hedren möglichweise beendet gewesen. Aber ein Charakteristikum der aktuellen »MeToo«-Bewegung ist es auch, dass sich Betroffene meist erst nach vielen Jahren zu den traumatisierenden Ereignissen äußern (können), die ihr Leben massiv beeinflusst haben. Im Fall von Tippi Hedren, die Alfred Hitchcock nach der »Beförderung« von Grace Kelly vom Filmstar zur Fürstin Gracia von Monaco als seine neue Heroine aufbauen wollte, wusste man zwar Bescheid über die Probleme, die zwischen Regisseur und Schauspielerin bestanden, aber in der allgemein akzeptieren Unkultur des Schweigens blieb »nur« Frau Hedren auf der Strecke.
Erst 2016, in ihrer Autobiographie »Tippi. A Memoir«, geht sie als 86-Jährige auf die Vorgänge bei den Dreharbeiten zu DIE VÖGEL und MARNIE ein. Demnach habe der damals 64jährige Regisseur die 31jährige mehrfach sexuell bedrängt, bedroht und genötigt. Zitat: »Ich habe noch nie Details darüber erzählt und ich werde es auch jetzt nicht. Ich sage nur, dass er mich plötzlich packte und seine Hände auf mich legte. Es war sexuell, es war pervers und es war hässlich.«
Im Jänner 2018 gab Tippi Hedren der Filmjournalistin Katja Nicodemus (»Die Zeit«) ein Interview, das ihr Verhältnis zu Alfred Hitchcock fair und ehrlich beschreibt. Sie sagt darin, dass sie »Dankbarkeit und Abscheu« empfinde, »Respekt und Fassungslosigkeit«. Sie betrachte Marnie als »Werk eines Genies«, aber sie konnte und wollte nicht akzeptieren, dass er »über mich verfügen kann, als wäre ich sein Besitz.« Diese Verweigerung bedeutete praktisch das Ende ihrer Karriere. Hitchcock verhinderte, dass Tippi Hedren weitere Rollen bekam. 
Warum sie so lange schwieg, begründet sie auch damit, dass sie wie viele andere Betroffene Schuldgefühle hatte und sich hinterfragte, womit sie sein Verhalten provoziert haben könnte. Außerdem habe es den Begriff und den Tatbestand der »sexuellen Belästigung« in den 1960ern einfach nicht gegeben. Die aktuelle Debatte überrasche sie nicht. Zitat: »Hitchcock und Weinstein ähneln sich in der Selbstverständlichkeit, mit der sie vorgingen. Aber so etwas kann nur in einem Umfeld geschehen, das die Augen verschließt. Und da hat sich in den letzten 50 Jahren wenig verändert.«
Es scheint, als folge der Umgang Alfred Hitchcocks mit den Hauptdarstellerinnen seiner Filme einem bekannten Muster: Starken Persönlichkeiten (siehe Marlene Dietrich oder Ingrid Bergman) zollte er Respekt, an andere wagte er sich physisch nicht heran (Grace Kelly), Frauen wie Eva Marie Saint (DER UNSICHTBARE DRITTE) und dann ganz extrem Tippi Hedren, versuchte er, zu seinen »Geschöpfen« zu machen, kontrollierte Garderobe, Schmuck, Frisur bis ins kleinste Detail. Und wehe, wenn ein »Geschöpf« gegen den »Meister« rebellierte… 


Hitchcock und Ingrid Bergman 

SPELLBOUND
Sa 17. November, 18.20 – Moviemento

Ingrid Bergman spielt in SPELLBOUND eine Psychiaterin als Partnerin von Gregory Peck. Aus seiner Sicht war das Verhältnis zwischen Hitchcock und Bergman entspannt. Peck: »Sie hat das Wichtigste sofort verstanden, ich verstand es einfach nicht.«

Ingrid Bergman beschreibt ihr Arbeitsverhältnis sehr positiv: »Er war ein wunderbarer Regisseur, so empfindsam...Meine Probleme, die beruflichen wie die privaten, schienen ihn nie zu langweilen. Er hörte stets zu. Hitch konnte ich alles sagen…Er hatte einen köstlichen Sinn für Humor, und er konnte einen schon ein bisschen schockieren.«


Hitchcock und Grace Kelly
REAR WINDOW
So 18. November, 18.20 – Moviemento

Als Alfred Hitchcock Grace Kelly die Rolle der Lisa in DAS FENSTER ZUM HOF anbot, sollte sie eigentlich in Elia Kazans DIE FAUST IM NACKEN neben Marlon Brando die Hauptrolle spielen. Nach der Lektüre des Drehbuchs zu DAS FENSTER ZUM HOF sagte sie Hitchcock zu. Sie hatte zuvor in BEI ANRUF MORD gespielt und kam mit Hitchcocks Art gut zurecht. In einem Interview mit Charlotte Chandler erwähnt sie eine Anektote, die mittlerweile sehr bekannt geworden ist. Grace Kelly habe gehört, wie ihr Partner Ray Milland den Regisseur mit einem Besucher auf dem Set bekannt machte. Hitchcock sagte: »Sagen Sie Hitch zu mir, ohne cock.« Der Witz war Hitchcock offenbar peinlich, als er bemerkte, dass Grace Kelly zugehört hatte. Sie sagte daraufhin: »Denken Sie sich nichts. Ich bin auf eine katholische Mädchenschule gegangen, schon mit 13 gab es nichts, was ich nicht gehört hätte.« Ein Jahr und zwei Filme später, nämlich bei ÜBER DEN DÄCHERN VON NIZZA (To Catch A Thief), zeigt Hitchcock weniger Zurückhaltung. Er wird zitiert mit dem Satz: »Der Kuss in der Halle, der ist so, als würde sie ihm den Hosenschlitz aufmachen«. Und »Die Feuerwerk-Szene ist der Orgasmus«. Als er Grace Kelly in dem hautengen, goldenen Abendkleid sah, dass Kostümbildnerin Edith Head entworfen hatte, schildert die Schauspielerin das so: »Ich trug dieses goldene Abendkleid, das hauteng geschnitten war und nichts verbarg. Hitch kam auf mich zu, schaute mich von oben bis unten an und sagte: ›Da sind Hügel in dem Gold da.‹ Ich fand das deshalb so amüsant, weil Hitch mir gegenüber sonst so auf Anstand und Würde bedacht war.«


Hitchcock und Shirley MacLaine 
THE TROUBLE WITH HARRY
Mo 19. November, 18.30 – Moviemento

Shirley MacLaine gab in IMMER ÄRGER MIT HARRY ihr Leinwand-Debüt. Dessen Zustandekommen verdankt sich einem klassischen Fall von »Bühnen-Märchen«. Sie war am Broadway als Zweitbesetzung im Musical »The Pajama Game« engagiert und genau an dem Abend, als Alfred Hitchcock und sein Koproduzent Herbert Coleman die Vorstellung auf der Suche nach einer »jungen Verrückten« besuchten, für Carol Haney eingesprungen. Hitchcock und Coleman entnahmen dem Programmheft, dass sie eine gewisse Tänzerin Shirley MacLaine gesehen hatten und engagierten sie vom Fleck weg. Für die 20jährige eine Herausforderung: »Es war eine sehr schwierige Erfahrung, aus der Welt des Balletts und des Broadway – beides Welten, in denen alles im Staccato ablief und durch einen hohen persönlichen Einsatz geprägt wurde – in die Welt einer sich ewig hinziehenden Hollywoodproduktion zu geraten. Man wartet ständig auf etwas, während einem gleichzeitig jedes Bedürfnis – ob emotional, kosmetisch, physisch oder sogar sexuell – bis in alle Einzelheiten erfüllt wird«, schreibt sie in ihrer Biographie und dass Hitchcock sie auslachte, weil sie am ersten Drehtag erschien und das komplette Drehbuch auswendig gelernt hatte.


Hitchcock und Doris Day 
THE MAN WHO KNEW TOO MUCH
Di 20. November, 18.15 – Moviemento

Filmarchitekt Henry Bumstead hat an die Dreharbeiten in Marrakesch einige skurrile Erinnerungen: »Ich weiß noch, wie ich mit Doris Day in ein Restaurant gegangen bin und Couscous gegessen habe. Man isst das mit den Fingern. Aber Hitch hat das nie gemacht. Doris Day auch nicht. Sie hätte nie etwas gegessen, in dem andere ihre Finger drin gehabt haben. Sie hatte ihren Mann und ihren kleinen Sohn dabei. Eines Tages hat ihr Mann, Marty Melcher, am Set fotografiert, und die Kamera gab Geräusche von sich. Hitch warf ihm einen Blick zu und wir haben die Kamera nie mehr gesehen.«
Eine weitere Anekdote von den Dreharbeiten berichtet, dass Doris Day immer nervöser wurde, weil Hitchcock sich mehr um Kameraführung, Lichtsetzung und andere technische Dinge kümmerte als um ihre Performance. Sie war überzeugt, er sei unzufrieden mit ihr und sprach ihn schließlich darauf an. Er antwortete: »Meine Liebe, wenn Sie mir nicht das gäben, was ich will, dann müsste ich Ihnen Regieanweisungen geben.«


Hitchcock und Kim Novak 
VERTIGO
Mi 21. November, 18.10 – Moviemento

Eine Gallenblasenoperation, der sich Alfred Hitchcock unterziehen musste, ist Schuld daran, dass Kim Novak die Doppelrolle der Madeleine/Judy bekam. Eigentlich war Vera Miles vorgesehen, aber wegen der Operation mussten die Dreharbeiten verschoben werden und zu diesem Zeitpunkt war Vera Miles schwanger. Novak wurde von der Columbia ausgeliehen. Sie erinnert sich an einen Termin bei Columbia-Chef Harry Cohn. »Alfred Hitchcock will Sie ausleihen, ich habe gesagt, ich habe nichts dagegen. Ich dachte, es wäre gut für Ihre Karriere. Es ist ein schreckliches, ein ganz schreckliches Drehbuch.« Kim Novak war anderer Meinung. Über die Dreharbeiten erzählte sie Charlotte Chandler: »Einmal machte ich den Fehler, Hitch eine Frage zur Motivation meiner Figur zu stellen, und er sah mich mit feierlichem Ernst an und sagte: ›Wir wollen nicht zu tief in diese Dinge einsteigen. Das ist nur ein Film‹. Ich liebte es. Er gestattete mir, in den Figuren, in beiden, aufzugehen. Er ließ mir die Freiheit zur Kreativität.«


Hitchcock und Janet Leigh
PSYCHO
Do 22. November, 18.20 – Moviemento

Hitchcocks Grundüberlegung: »Es war wichtig, für die Rolle der Marion Crane den größten Star zu nehmen, den wir bekommen konnten, dann war der Überraschungseffekt größer. Niemand erwartet, dass wir unseren Star schon so früh umbringen lassen.« Janet Leigh hatte zu dieser Zeit genug von der Rolle der jungen Naiven und bereits in Orson Welles‘ Kriminalfilm Im Zeichen des Bösen mitgewirkt. Hitchcock machte ihr die relativ kleine Rolle schmackhaft und versprach, sie auszubauen. Leigh: »Er sprach vor dem Drehen mit mir. Während des Drehens sagte er so gut wie nichts mehr. Er meinte, er würde mir Bescheid geben, wenn ich etwas falsch mache. Er wollte nicht zu wenig und nicht zu viel, und er erwartete von mir, Nuancen zu bringen. Wir hatten eine wunderbare Arbeitsbeziehung…Wir waren so etwas wie Seelenverwandte.« Nach der Arbeit an PSYCHO blieben Alfred und Alma Hitchcock und Janet Leigh und ihr Mann Robert Brandt freundschaftlich verbunden. Sie machte sich nichts aus seiner Neigung »schmutzige Geschichten« zu erzählen, lachte dazu und charakterisierte ihn als »Kobold, einen schalkhaften Elf und ein Genie«. 

(Charlotte Chandler: »Hitchcock – Die persönliche Biographie«, Herbig Verlag, 2005)

 

 

 

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