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Das melancholische Mädchen

Das melancholische Mädchen

DE 2019, 80 min, OdF, R: Susanne Heinrich, K: Ágnes Pákózdi, D: Marie Rathscheck, Nicolais Borger, Yann Grouhel, Nicolo Pasetti, Pero Radicic 


Auf der Suche nach einem Schlafplatz wandert das melancholische Mädchen durch die Großstadt – aber zwischen Yoga-Studios, Kunstausstellungen und den Betten fremder Männer gibt es für sie keinen Platz. Eine postmoderne Komödie in Rosa und Hellblau.

Mit ausdrucksloser Miene bewegt sich eine junge Frau durch eine artifizielle, pastellfarbene Studiokulisse. Dabei ist sie vor allem eins: gelangweilt. Unterwegs begegnet sie jungen Müttern, die ihre Mutterschaft als religiöses Erweckungserlebnis feiern, findet Unterschlupf bei einem abstinenten Existentialisten, für den Sex »auch nur noch ein Markt« ist, und wartet in einer Drag-Bar »auf das Ende des Kapitalismus«. Ihr Versuch, ein Buch zu schreiben, scheitert am ersten Satz des zweiten Kapitels, und sie findet keinen Platz zwischen Kunstgalerien, Yoga-Studios und den Betten fremder Männer. Statt sich zu bemühen, hineinzupassen, fängt das Mädchen an, ihre Depression als Politikum zu betrachten. In 15 komischen Begegnungen erforscht DAS MELANCHOLISCHE MÄDCHEN unsere postmoderne Gesellschaft zwischen Prekarisierung und Self-Marketing, serieller Monogamie und Neo-Spiritualität, Ernüchterung und Glückszwang. Susanne Heinrichs Debütfilm verbindet Pop und Theorie, Feminismus und Humor – und ist voll von Zitaten, die man in Neonbuchstaben auf Werbetafeln leuchten sehen will.

REGIESTATEMENT
Am Anfang stand mein Unbehagen in der Gesellschaft. Ich war Mitte zwanzig und hatte meine Schriftstellerinnenkarriere und meine erste Ehe schon hinter mir. Ich war depressiv, aufgelöst zwischen Affären und litt unter einem Gefühl großer Entfremdung. Ich konnte nicht mehr schreiben. Alles, was ich zu erzählen versuchte, kam mir abgeschmackt, banal und irrelevant vor. Warum konnte ich nicht einfach glücklich sein? Ich lebte doch als freies, gleichberechtigtes Individuum in einer aufgeklärten Demokratie, oder? Wenn ich aber selbst schuld war, warum ging es dann allen anderen jungen, talentierten Frauen um mich herum genauso?
Eine Freundin brachte mich im richtigen Moment dazu, Theorie zu lesen. Bei der Soziologin Eva Illouz stieß ich auf den Begriff »emotionaler Kapitalismus«, der beschreibt, wie sich die emotionale und die ökonomische Sphäre im Spätkapitalismus gegenseitig durchdringen. Bei Byung-Chul Han las ich vom »Unternehmer seiner selbst«, der sein optimiertes Selbst auf dem »Markt der Romantik« (Eva Illouz) feilbietet.
Diese Ideen zu lesen, war eine Offenbarung für mich. Ich wollte wissen, woher sie kamen, und stürzte mich in die Lektüre. Ich kam von Michel Foucault auf Judith Butler, über Jacques Lacan zu Slavoj Zizek, über Roland Barthes zu Gilles Deleuze. Ich las »Der neue Geist des Kapitalismus« von Luc Boltanski und Eve Chiapello, Baudrillards Theorie der Simulation und Vilém Flussers visionäre Medientheorie, das Cyborg-Manifest von Donna Haraway, »Die Antiquiertheit des Menschen« von Günther Anders, Hartmut Rosas Resonanztheorie. Ich war Autodidaktin und las alles wild durcheinander, versuchte einfach aufzuholen. In die Welt der Theorie einzutauchen, gab meiner Traurigkeit Sinn. Zum ersten Mal verortete ich mich in der Gesellschaft und die Gesellschaft in mir.

Nächste Spieltermine:

Fr. 28. Juni 22.00 Uhr OdF Movie 3
Sa. 29. Juni 22.00 Uhr OdF Movie 3
So. 30. Juni 17.20 Uhr OdF Movie 2
Zum Reservieren klicken Sie bitte auf den gewünschten Termin. Bitte beachten Sie, dass u. U. nicht für jede Vorstellung reserviert werden kann.
Programmänderungen (auch Saalwechsel) vorbehalten.
Das melancholische Mädchen
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Nr 365 - Juni 2019
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