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Erik & Erika

Erik & Erika

AT 2017, 97 min, R: Reinhold Bilgeri, K: Carsten Thiele, D: Markus Freistätter, Cornelius Obonya, Ulrike Beimpold, Birgit Melcher, Gerhard Liebmann, Anna Posch, Lili Epply 


Als Schistar Erika wurde sie gefeiert, als neu entdeckter Erik verstoßen und des Betrugs bezichtigt. Eine Geschichte über die Ungerechtigkeit der Natur, die Tabuthemen der 1970er-Gesellschaft und den ÖSV.

1966 beklatscht ganz Österreich die frischgebackene Weltmeisterin in der Damen-Abfahrt. Nach der triumphalen Rückkehr in die Heimat wird Erika Schinegger von einem Empfang zum nächsten gereicht, obwohl: »Schön is sie net, aber schnell is sie halt!« Nächste große Station: die Olympischen Spiele in Grenoble 1968! Aufgrund des organisierten Hormonmissbrauchs, mit dem Sportlerinnen zu hypermaskulinen Kampfmaschinen hochgedopt wurden, führte man vor diesen Olympischen Spielen erstmals Tests zur Geschlechtsbestimmung durch. Und von einem Moment auf den anderen wird Erikas wunderbare Welt komplett auf den Kopf gestellt: Die Chromosomenauswertung ist eindeutig – E. Schinegger ist männlich. Und das System, das Erika erst ins Rampenlicht gezerrt hat, zeigt nun schnell, aus welchem Holz es wirklich geschnitzt ist. Sie wird genötigt, »freiwillig« aus der Nationalmannschaft auszuscheiden und auf die Olympia-Teilnahme zu verzichten. Der skrupellose Funktionär Dr. Fischer bedrängt Erika, sich mit einer »völlig unkomplizierten« OP endlich ganz zur Frau machen zu lassen. Mit drastischen Methoden versucht man Erikas Eltern davon zu überzeugen. Erika selbst fragt man am besten gleich gar nicht…
Mit viel Herz und Engagement brachte nun Austro-Musiklegende und Filmemacher Reinhold Bilgeri (DER ATEM DES HIMMELS) die unglaubliche Story auf die Kinoleinwand. Für Authentizität sorgte Erik Schinegger mit beratender Begleitung, den filmischen Anspruch garantieren Charakterdarsteller wie Cornelius Obonya, Ulrike Beimpold, Marianne Sägebrecht, Gerhard Liebmann, Lili Epply, Anna Posch und allen voran der charismatische Jungschauspieler Markus Freistätter in der Titelrolle.

REGIESTATEMENT
Glatte 50 Jahre begleitet mich diese Geschichte – in verschiedensten Facetten lief sie mir immer wieder über den Weg und stupste mich an. Ich habe damals Erikas Rennen gesehen, alle, sein Outing verfolgt und seine Bio gelesen. Zugegeben, ich war ein Fan von Erika und nicht minder erschüttert und erstaunt über Erik. Ein unscheinbares, ambitioniertes Kärntner Bauernmädel schafft es in die Headlines der Weltpresse, zuerst als Topsportlerin und schließlich als skurriles Unikum, dem die Natur übel mitgespielt hatte. Seine Geschlechtsmerkmale waren ins Körperinnere gewachsen, und erst moderne Genderuntersuchungen konnten sein wahres Geschlecht klären.
Es ist die Geschichte eines vermeintlich gebrochenen Helden, der als Frau und als Mann gelebt hat, die Geschichte eines Traumatisierten, der durch zwei Höllen gehen musste, durch seine persönliche und, viel schlimmer, durch die Hölle der Öffentlichkeit. Es ist die Geschichte der Ohnmacht und Hilflosigkeit einer Gesellschaft, die von ihren Tabus entlarvt wird, eine Geschichte von Intoleranz, Vorurteilen und Scheinheiligkeit, ausgetragen auf den Schultern eines Teenagers, der nur eines wollte: schnell Ski fahren.
Vielleicht war sein Überleben und schließlich der beeindruckende Kraftakt, sein Leben wieder ins Lot zu bringen, der größte Sieg seines Lebens.

Es sind keine Spieltermine für diesen Film vorhanden.
Erik & Erika
Moviemento-Programmzeitung
Nr 350 - März 2018
Sommerkino 2018Rearview
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Film der Woche: Zu Hause ist es am schönsten