drucken

Timbuktu

Timbuktu

FR/MR 2014, 97 min, R: Abderrahmane Sissako, K: Sofiane El Fani, D: Ibrahim Ahmed dit Pino, Toulou Kiki, Abel Jafri, Fatoumata Diawara, Hichem Yacoubi, Kettly Noël 


Die von Mythen umwobene malische Stadt Timbuktu wird von Dschihadisten übernommen, die ihre Regeln der Bevölkerung aufzwingen wollen. Die Beduinen-Familie von Kidane lebt friedlich in ihrem Zelt, bis ein Zwist mit dem Fischer Amabou alles durcheinanderbringt.

Der gebürtige Mauretanier Abderrahmane Sissako ist in Bamako aufgewachsen und hat dort zuletzt im Hof seines Vaterhauses den Spielfilm BAMAKO gedreht. Darin begegnet er der Ausbeutung von IWF und Weltbank in Form eines Gerichts, das mitten im Lebensalltag abgehalten wird und dadurch stärker wirkt als seitenlange Abhandlungen über die Ungerechtigkeiten dieser Welt. Ursprünglich wollte er danach einen Essayfilm über die Ausbreitung des islamischen Fundamentalismus in der Gegend der mythenumwobenen Stadt Timbuktu gestalten, doch nachdem er vor Ort die Steinigung eines Paares durch die Extremisten erlebt hatte, entschied er sich dafür, einen Spielfilm zu drehen. Und was für einen!
Was kann der Künstler in Zeiten tun, in denen die Menschlichkeit durch mordende Horden und zerstörende Kulturlose fundamental in Frage gestellt wird? Es ist die Frage, die auch der Russe Andrei Tarkowski in dem im Mittelalter angesiedelten Spielfilm ANDREI RUBLJOW gestellt hatte. Sissako hat den islamistischen Fundamentalismus erlebt und reagiert auf das Wüten einer Minderheit mit einem Film, der den Alltag vor Augen führt, uns gleichzeitig eine Geschichte erzählt, die zeigt, dass auch der friedlichste Alltag auch nicht einfach nur friedlich ist. Zwist ist eine menschliche Schwäche, die oft genug tragisch endet. Die Täter in seinem Film kommen von überall her und sprechen keine gemeinsame Sprache. So wenig sie einander verstehen, so wenig wissen sie, was die Regeln sollen, die sie den Menschen in Timbuktu aufzwingen. Für diese ist es nicht nachvollziehbar, warum sie nicht mehr rauchen, musizieren oder Fußball spielen sollen, warum die Fischverkäuferin auf dem Markt Handschuhe tragen muss, warum die Moschee als Ort des Gebets und der Besinnung mit Waffen betreten wird. Zu den Glanzpunkten dieses federleicht wirkenden Films über die Tragödie religiösen Fundamentalismus gehört ein Fußballspiel ohne Ball. Abderrahmane Sissako erzählt in stillen Bildern und einer Sanftheit, die das Drama, das er betrachtet, erst recht hervorheben. Keine Schwarzweiß-Malerei, dafür eine Betrachtung voller Poesie, die er der kopflosen Gewalt entgegensetzt.

Regiestatement
Am 29. Juli 2012 fand in Aguelhok, einer kleinen Stadt im nördlichen Mali, das zu einem großen Teil besetzt ist, ein unsägliches Verbrechen statt, das von den Medien und somit dem Rest der Welt einfach ignoriert wurde. Ein Paar in den Dreißigern, das mit zwei Kindern gesegnet war, wurde zu Tode gesteinigt. Ihr Verbrechen: Sie waren nicht verheiratet. Die Szenen ihres Sterbens, die von ihren Folterern online gepostet wurden, sind grauenvoll. Die Frau stirbt vom ersten Stein, der sie trifft. Dem Mann entfährt ein heiserer Schrei, dann herrscht Stille. Kurz danach werden sie ausgebuddelt, nur um weiter entfernt vergraben zu werden.
Aguelhok ist nicht Damaskus oder Teheran. Deshalb wird nichts darüber berichtet. Was ich niederschreibe, ist unerträglich, ich weiß. Ich versuche keineswegs, über Schockgefühle einen Film zu promoten. Jetzt, wo ich davon weiß, muss ich in der Hoffnung darauf davon erzählen, dass nie wieder ein Kind später erfahren muss, dass seine Eltern sterben mussten, weil sie sich liebten.

Es sind keine Spieltermine für diesen Film vorhanden.
Timbuktu
Moviemento-Programmzeitung
Nr 312 - Jänner 2015
Klassik im Kino 18/19Retrospektive: Alfred HitchcockPremiere: Welcome to SodomKollektiv Okabre: Night of the living Dead